Studiobericht „Mehr passiert“

5. Dezember 2012
Die Journalistin und Radioreporterin Marion Brasch besucht Rammstein während der Studioaufnahmen zu LIEBE IST FÜR ALLE DA in Kalifornien. Hier ist ihr Bericht:

Mehr passiert

Jack London war in der Nähe. Die letzten Jahre seines kurzen Lebens verbrachte er hier auf dem Sonoma Mountain in Kalifornien. Alles, was er damals wollte, war „ein ruhiger Platz zum Schreiben und Leben in der Natur – dieses Etwas, das uns allen fehlt, von dem aber kaum einer etwas weiß”.

Diese Idee ist nicht so weit entfernt von dem, was Rammstein hier suchen. Doch während Jack London hier alt werden wollte, ist dieser Ort für Rammstein lediglich eine Station auf dem Weg zu ihrem neuen Album. Sechs Wochen lang arbeiten sie hier im Studio an ihren Songs – weit weg von zu Hause, ohne Familien, ohne Ablenkung und Verführung. Letztere beschränkt sich auf das gute Essen, ein paar gute Filme, den Pool, einen verwaisten Tennisplatz und einen Ausflug zum Konzert von Nine Inch Nails in Sacramento.

Ursprünglich wollten Rammstein in Los Angeles aufnehmen. „L.A. hat eine gute Energie. Alle wollen was. Es ist sportlich, schnell, hart.“ sagt Paul. Schneider hätte das Experiment L.A. auch gern gemacht. Idylle hätte man immer gehabt, egal ob in Malta, Spanien oder Südfrankreich. Los Angeles hätte eine neue Erfahrung sein können… Es klappte nicht. Also spielte Schneider dort lediglich seine Drums ein. Danach entschied man sich fürs Kontrastprogramm und zog auf den schönen Berg in Sonoma Wine Country. Ein Studiokomplex im Landhaus-Stil mit Kamin und Köchin. Paul: „Hier herrscht so eine freundliche Beschaulichkeit – die bräuchten wir für dieses Album eigentlich sowas von überhaupt nicht. Aber das Studio war gebucht und wir ziehen das jetzt durch. Das können wir.“ Richard spricht von der Rammsteinschen Gruppendynamik, die extrem stark und dunkel sei. Gut zwar, aber auf Dauer zuviel und manchmal destruktiv. Deswegen sei es wichtig gewesen, einen Platz zu finden, wo man sich von Zeit zu Zeit zurückziehen könne, um der „Rammstein-Magie“ zu entkommen. Flake hätte das Album auch prima in Grünau aufnehmen können: “Amerika ist nicht so meins.”

Bis hierher auf diesen Berg war’s ein langer Weg.

Rammstein hatten sich nach ihrem letzten Album „Rosenrot“ und der langen zermürbenden Tour frei genommen. Mehr als ein Jahr lang sollte jeder tun und lassen können was er wollte. Keine Verpflichtungen, keine Anrufe. Eine Art Sabbatical. Die Band Rammstein sollte für diese Zeit nicht mehr existieren. Nach außen nicht und nach innen auch nicht. Flake hat erst nach sieben Monaten bemerkt, dass er frei hatte: „Ich hatte genauso viel zu tun wie vorher, nur eben ohne Band.“ Paul fiel für einige Wochen in das berühmte Schwarze Loch und musste feststellen, dass er in seinem ganzen Leben „noch nie NICHTS getan“ hatte. Schneider bekam irgendwann das Gefühl, gar keine Band mehr zu haben: „Ich hab mich gefragt, ob es überhaupt weitergeht.“ Ein Gedanke, der ihn einerseits ein wenig beunruhigte, doch er habe auch gelernt, dass es durchaus ein Leben ohne Rammstein geben kann. Richard wusste das schon vorher und arbeitete in New York an seinem Soloprojekt Emigrate, Olli heiratete und genoss. Und Till? Till denkt in seinem Zimmer gerade über brennende Engel nach.

Mittags kommt Robin. Robin ist die Köchin, die eigentlich Schmuckdesignerin ist. Sie hat für Prince und die TV-Serie „Friends“ gearbeitet. Jetzt arbeitet sie für Rammstein. Ob sie die Musik schon mal gehört habe? Nein. Sie wolle nicht mehr über die Jungs wissen, als das was sie sehe. „These guys are so great!“. Manchmal höre sie ein paar Fetzen aus den Studios und das klinge sehr aufregend. „And Till is really an artist!“ Spricht’s und zaubert in einer knappen Stunde ein komplettes Menü für 12 Leute auf den Tisch. 12 Leute geizen nicht mit Komplimenten und ziehen Robin auf: „…and so easy to make!“

Das Mittagessen und das Abendbrot sind die festen Termine des Tages. Da sitzen alle zusammen. Um sein Frühstück kümmert sich jeder selbst. Und dann wird gearbeitet. Mit Rammstein hierher gekommen sind Produzent Jacob Hellner und die Ingenieure Ulf Kruckenberg und Florian Ammon (der gerade noch mit U2 an deren neuem Album gearbeitet hat). Das Studio besteht aus drei Workstations: Im Hauptstudio sitzt Jacob und nimmt die Gitarren und den Gesang auf. Die zweite Station ist das Bandsystem für Bass, Keyboards und dies und das. Und schließlich Station 3, wo aus den verschiedenen Takes, die Schneider in L.A. aufgenommen hat, die besten ausgesucht und dann rüber zum Hauptstudio geschickt werden. „Wie in einer Fabrik“, sagt Paul, „eine Art Fertigungsstraße“.

Jacob Hellner hat alle Rammstein-Alben produziert. Er kennt die Band, weiß wie die Jungs ticken. „Eine Platte zu machen, ist meist ein chaotischer Prozess, doch Rammstein sind sehr strukturiert – das macht es leichter.“ Nur die ewigen Diskussionen in der Band seien mitunter zermürbend. „Rammstein is a neverending conference“. Deshalb frühstücke er lieber allein im Produzenten-Wohnhaus ein Stück entfernt vom Studiokomplex. Da löffelt er seine Cornflakes und schaut hinunter ins dampfende Tal. Es hat geregnet in der Nacht und es ist kalt geworden. Gerade ist mal wieder der Strom ausgefallen. Das ist normal hier, niemand ist beunruhigt.

Rückblende: Als die Auszeit vorüber war, traf sich die Band mit ihrem Manager Emanuel Fialik auf einem Hausboot und schipperte die Dahme runter, um zu überlegen wie’s weitergehen soll mit dem großen Schiff Rammstein. „Schon nach dem ersten Tag war’s für mich, als sei ich nie weg gewesen“ erinnert sich Flake, „die gleichen blöden Witze, jeder fällt in seine alten Verhaltensweisen zurück.“ Paul findet einen Vergleich: „Du rauchst, dann hörst du auf, dann fängst du wieder an und du rauchst einfach wieder. Als hättest du nie aufgehört.“ Und dann die Diskussion: Neue Platte oder erstmal eine Tour? Die Meinungen gingen wie immer auseinander. Schneider: „Ich hätte es gut gefunden, wenn wir erstmal auf Tour gegangen wären. Für mich existiert eine Band nur, wenn sie auf der Bühne steht. Dann erst ist dieses Bandgefühl da und darin liegt für mich auch die eigentliche Bestimmung: Zusammen Musik machen und andere hören zu.“ Doch das System Rammstein ist eine Demokratie, und die beschloss: Studio.

Dem folgte ein teilweise quälender Prozess. Richard spricht von der „dunklen Zeit“. Olli sieht diese Zeit eher positiv: Wir mussten wieder lernen, uns als Band zu begreifen. Das war unsere Aufgabe und das hat uns weitergebracht.“ Sie gingen in den Proberaum, spielten zusammen, sammelten Ideen, nahmen ein paar Demos auf – das alles zog sich ein weiteres Jahr hin. Ein Jahr, das die Band brauchte, um wieder zusammenzuwachsen. Doch selbst dann wurde die Arbeit nicht leichter, im Gegenteil. Die Lieder, die schon fertig waren, wurden wieder und wieder überarbeitet. An anderen Orten, unter anderen Bedingungen. „Und immer wieder ging’s von vorn los“ erinnert sich Paul. Ein zermürbender Prozess, der die Stimmung in der Band sehr strapazierte. Und Till? Till zieht trotz der Kälte und des Regens am Morgen im Pool seine Bahnen.

Im Hauptstudio wird Richards Gitarre aufgenommen. Flake steht hinter Jacob am Pult und hat ein paar Ideen: „Jeder hat so sein Lieblingslied, das ihm besonders am Herzen liegt und dafür engagiert man sich vielleicht ein bisschen mehr als für ein anderes.“ Und Jacob definiert seinen Job: „Ich schiebe Blöcke zusammen oder übereinander. Wie das Gebäude am Ende aussehen wird, weiß noch niemand. Musik führt ein Eigenleben. Wenn du denkst, du hast ihr Wesen erfasst, erliegst du einem großen Irrtum. Musik kennt keine Gesetze.“
Das Arbeiten an den Songs ist das eine. Gleichzeitig wird hier in Kalifornien schon über die Tour nachgedacht, denn die Bühne und die Show sind bei Rammstein genauso wichtig wie die Musik. Rammstein ist ein Gesamtkunstwerk.

Manager Emu kommt vorbei. Nach dem Abendbrot ist ein Bandmeeting angesetzt. Eine Tour vor dem neuen Album oder danach? 6 Leute, 6 verschiedene Meinungen. Die Demokratie Rammstein läuft heiß. Irgendwann reden alle durcheinander. Paul: „Die Kunst ist, zu lernen sich positiv einzubringen und nicht gleich sauer zu werden und einzuschnappen, wenn sich deine Idee nicht durchsetzt. Wenn irgendeiner mehr Raum beansprucht als ein 6tel, gibt’s richtig Ärger.“ Rammstein sei ein natürliches Biotop, sowas überlebe…

Richard sieht es so: „Die Genialität der Band liegt nicht beim Einzelnen, sondern entsteht aus der Chemie zwischen allen Beteiligten.“ Eine Chemie, die keinem harmonischen Prinzip folge, sondern im Gegenteil: Gerade die Reibungen erzeugten das Spezifische und Einzigartige, das Rammstein ausmache. Flake: „Bei Rammstein ist es vielleicht so wie bei ‚Sechse kommen durch die ganze Welt’: einer kann schnell laufen, einer kann gut gucken, einer ist der Starke.“ Und er sei vielleicht der, der weit spucken kann…

Jacob spricht von der großen Rammsteinmaschine: „Jede Idee muss dadurch und was am Ende rauskommt, ist Rammsteinmusik“. Und Till? Till singt: „Bin nie zufrieden, es gibt kein Ziel, gibt kein Genug, ist viel zuviel…“
Der Song heißt MEHR und klingt vertraut. Ob er auf dem Album landen wird, ist noch nicht klar. Im Herbst kommt es raus, dann ist MEHR passiert.

Marion Brasch